nott’s notes

Jürgen Nott, CEO von Infinigon, lebt und arbeitet seit 2005 in New York City und findet im Alltag von „Big Apple“ immer wieder überraschende Parallelen zur Makro-Ökonomie, über die er hier berichtet.

US-Arbeitswelt 2021 – Downsizing und Micro-Unternehmen

Ein Beitrag von Jürgen Nott, New York (CEO Infinigon)

von Jürgen Nott

31. August 2021

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    Das wirtschaftlich beherrschende Thema – insbesondere der letzten Wochen – war der U.S. Arbeitsmarkt. Hier gehen die Meinungen bei meinen Gesprächspartnern aus der Finanzindustrie und Wirtschaft so weit auseinander wie bei der Einschätzung der Inflation.

    Dass aktuell die Jobmaschine stottert, heißt lediglich, dass die Anzahl der Menschen in Arbeit nicht zum wirtschaftlichen Aufschwung passt. Woher kommt das Phänomen? Bei eher kurzfristiger Betrachtung werden Gründe wie noch laufende (aber jetzt auslaufende) Hilfsgelder genannt. In der Tat sind die „Stimulus Checks“ noch Anfang September in den meisten Staaten ausgezahlt worden.

    Auch die Unterstützungsgelder, z.B. aus dem Covid EIDL Programm, welche durch die SBA (Small Business Administration) an Firmen ausgezahlt werden soll, sind im Rückstand und werden noch weiter fließen (im Wesentlichen sind dies Kredite, die die Unternehmen mit einem geringen Zinssatz innerhalb von 30 Jahren zurückzahlen müssen). Darüber hinaus wird aufgrund der Delta Variante Kinderbetreuung fehlen; teilweise, weil Bildungs- und Betreuungseinrichtungen noch geschlossen sind, bzw. die Öffnung noch nicht als verlässlich betrachtet wird. Teilweise weil andere Familienmitglieder versorgt werden müssen.

    Wenn man etwas mehr aus der Distanz auf den Arbeitsmarkt schaut, dann liegt das Problem zum großen Teil auch in einem breiten und plötzlich stattfindenden Lifestyle-Wandel begründet. Es gibt 10 Mio. offene Stellen und 8.4 Mio. Jobsuchende – wie passt das zusammen? Hier kommt die Flexibilität der Amerikaner, sowie die Bereitschaft zum „downsizing“ und zusammenrücken ins Spiel. Vielen ist die Lebensqualität wichtiger geworden als der Job. Sie rücken in der Familie enger zusammen, mehrere Generationen unter einem Dach, oder „down sizen“ und sparen dadurch z.B. an der höchsten Kostenbelastung – der Miete.

    Aktuell gibt es so viele Firmengründungen wie nie. Viele versuchen sich durch die Gründung von Micro-Unternehmen – Ich AGs – vom Arbeitsmarkt unabhängig zu machen. Damit stehen die Firmen, Restaurants, Hotelbetriebe, der ganze Servicesektor vor einem Problem, dass sich nicht einfach mit höheren Löhnen, oder dem Wegfall von Sozialleistungen lösen lässt. Unternehmen, die Flexibilität anbieten können und wollen gehören zu den Gewinnern, oder auch solche, die auf Automation/Produktivkapital setzen. Langfristige Investitionen waren noch nie die Kernkompetenz amerikanischer Unternehmenslenker, die den kurzfristigen Profit (und damit die eigene Tasche), oder auch eher den „Exit“ im Blick hatten. Zwingt der aktuelle Wandel des Arbeitsmarktes die Unternehmen auf Kapital anstatt Arbeit zu setzen? Sollte das so sein, dann stehen Amerika Jahre der Investitionen in Produktivkapital bevor und damit einhergehend eine Produktivitätssteigerung, welche die U.S.A. auch abseits des Technologiesektor auf dem Weltmarkt wieder konkurrenzfähig machen könnte.

    Es bleibt wie immer spannend!

    Ihnen einen erfolgreichen und spätsommerlichen September,

    Ihr Jürgen Nott

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